Der FC Wiesendangen in der Saison 2024/25
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Der FC Wiesendangen in der Saison 2024/25

Die vergangene Spielzeit des FCW ging statistisch als die zweitbeste seiner Zeit in der 2. Liga ein, seit man 2014 aufgestiegen ist: Nur unter Gianni Lavigna sammelte man vor neun Jahren noch mehr Punkte pro Spiel als Fabian Grafs Ausgabe 2024/25. So mancher aus der Wiesendanger Fangemeinde mag nach der erfolgreichen Dèrniere in Embrach (3:0) den Heimweg mit dem Eindruck angetreten haben, irgendwie wäre in dieser Saison auch mehr möglich gewesen, hätte doch der FCW stets an der Grenze seines Potentials gespielt. Doch wie schon vor einem Jahr waren halt einfach auch höhere Mächte im Spiel: Zwar mag sich die Verletztensituation nicht ganz so dramatisch präsentiert haben wie in der Rückrunde des Vorjahres. Gleichwohl stand Graf eigentlich in keiner einzigen Partie eine theoretische Stammelf zur Verfügung, bedenkt man, dass einer wie Pascal Dietz zu den Langzeitverletzten gehört – und solche wie Dario Zgraggen, Yves Nobs oder Tobias Meli als Leistungsträger immer mal wieder fehlten, auch für längere Zeiträume.

Es ist also zu sagen, Graf habe unter nicht immer einfachen Umständen eine gute Arbeit verrichtet – de facto in Alleinregie, zumal als jüngster Trainer seiner 2.-Liga-Gruppe. Dass man zusätzlich im Sommer mit Xeno Fresneda den langjährigen Toptorschützen zu ersetzen hatte, machte seine Aufgabe nicht einfacher. Unter diesen Umständen mit der parallelen Einbindung eigener Junioren Rang fünf zu erreichen, ist somit als Erfolg zu werten. Grund genug, gemeinsam mit dem Trainer auf die vergangene Spielzeit zurückzublicken. Er spricht dabei unter anderem vom nötigen Bewusstsein eines Dorfvereins, dessen langanhaltende Zugehörigkeit zur 2. Liga keine Selbstverständlichkeit darstellen soll.

Fabian, du hast mit deiner Mannschaft eine intensive Saison hinter dir, die trotz der Formbaisse gegen Ende der Rückrunde mit dem Sieg in Embrach erfolgreich abgeschlossen wurde. Wie fällt das Fazit aus Sicht des Trainers aus?

Fabian Graf: Ich glaube, es ist wichtig zu differenzieren. Wir sind letzten Sommer faktisch ohne Trainer in die Vorbereitung gestartet, haben unseren langjährigen Topskorer verloren, und viele Spieler waren verletzt oder gerade erst zurück im Aufbau. Wenn mir damals jemand 42 Punkte, Rang fünf und eine sorgenfreie Saison angeboten hätte – ich hätte überglücklich eingeschlagen. Dennoch bleibt jetzt – trotz allem – das Gefühl, dass vielleicht sogar noch etwas mehr möglich gewesen wäre. Aber es ist völlig vermessen, nach der zweitbesten Saison der Vereinsgeschichte ein negatives Fazit zu ziehen.

Womit warst du besonders zufrieden, was die Entwicklung deiner Jungs angeht? Welches waren deine Highlights der Saison?

FG: Was die Entwicklung der Mannschaft betrifft, bin ich besonders stolz darauf, wie viele junge Spieler in dieser Saison den nächsten Schritt gemacht haben. Mit Joshua Toma, der mit seinen 20 Jahren erstmals eine Saison als Stammspieler bestritten hat, und Sharon Schäffeler, der insbesondere in der Rückrunde mehrfach bewiesen hat, dass er bereit ist, eine grössere Rolle zu übernehmen, haben wir zwei weitere Eigengewächse erfolgreich in die erste Mannschaft geführt. Auch Timon Welwolo ist auf einem sehr guten Weg. Florin Keller hoffen wir bald wieder fit auf dem Platz zu sehen – und gegen Saisonende haben mit Liandro Friedli und Julien Schenk zwei weitere junge Talente aufgezeigt, dass noch mehr nachkommen könnte, wenn man sie gezielt und altersgerecht fördert.

Mein persönliches Highlight war der 6:0-Sieg auf dem Reitplatz in Töss. Ich habe selbst bis zu meinem 18. Lebensjahr beim FC Töss gespielt und unzählige Stunden dort hinten im Wald verbracht. An diesen Ort als 2.-Liga-Trainer zurückzukehren und das Feld als souveräner Sieger zu verlassen, war für mich etwas ganz Besonderes.

In welchen Bereichen siehst du Verbesserungspotential? 52 Gegentore, auch "dank" Kanterniederlagen in Herrliberg und Gossau, scheinen zum Beispiel etwas gar viel …

FG: Die vielen Gegentore sind für mich mitunter ein Ausdruck einer zentralen Tugend im Fussball: Geduld. Das gilt sowohl im Offensiv- wie auch im Defensivverbund. Wir haben viele Spieler auf dem Feld, die gerne am Ball sind und das Spiel aktiv mitgestalten wollen. Entsprechend gab es Spiele, in denen wir den Gegner bewusst hoch pressen wollten, um den Ball schnell zurückzuerobern. Das funktioniert jedoch gegen einige Gegner unserer Liga nicht und wir öffnen unnötig Räume. Dies führt zu qualitativ hochwertigeren Möglichkeiten für den Gegner. Selbst ein überdurchschnittlicher Torhüter wie Dario Zgraggen kann nicht alle davon parieren. Ich denke, hier sind wir künftig besser beraten, nicht jedes Mal sofort den Ballgewinn zu forcieren und auch mal etwas geduldiger zu spielen. Geduldig zu spielen, heisst aber nicht passiv zu sein. Das ist für mich ein Unterschied. Man kann das Spiel auch ohne Ball aktiv beeinflussen, indem man den Gegner in für ihn unangenehme Spielsituationen zwingt. Das kann gegen gewisse Gegner ein Angriffspressing sein – andere haben mehr Mühe damit, wenn sie einen tiefer stehenden Gegner knacken müssen.

Auf der anderen Seite braucht es im Aufbauspiel nicht nur Geduld, sondern auch das richtige Tempo und die nötige Zielstrebigkeit, um Räume freizuspielen, die wir gezielt attackieren können. Genau diese Balance hat uns manchmal gefehlt: Entweder spielten wir zu früh vertikal in Räume, die noch nicht offen waren – oder die Verlagerung war zu langsam, sodass sich diese Räume bereits wieder geschlossen hatten. Beides führte zu Ballverlusten und einigen unnötigen Kontergegentoren.

Gegen das Spitzenquartett der Liga (Seuzach, Veltheim, Herrliberg und Stäfa) gelang kein Sieg, kumuliert holte man gegen diese Teams zwei Pünktchen. Gleichzeitig verlor man von den 18 Partien gegen die restlichen Mannschaften nur deren vier. Woran liegt das deiner Meinung nach?

FG: Es zeigt meiner Meinung nach, dass wir eine gute 2. Ligamannschaft beisammenhaben, die gegen die meisten Vereine bestehen kann. Auch gegen das Spitzenquartett, selbst wenn sich das im ersten Moment widersprüchlich anhört. Gegen Seuzach und Veltheim waren wir auf Augenhöhe – zweimal fehlten nur wenige Sekunden zum Sieg. Die beiden Seeklubs hingegen spielen so wie ich es mir manchmal mehr von uns wünschen würde: sehr diszipliniert und ohne unnötiges Risiko. Das verträgt sich schlecht mit unserer ungeduldigen Spielweise und spielt ihnen daher massiv in die Karten. Hier haben wir es mit Sicherheit verpasst, unsere Spielweise zu adaptieren.

Deine persönliche Zukunft ist Stand heute noch offen. Was möchtest du der Wiesendanger Fangemeinde einstweilen noch mitteilen?

FG: Erstens: Vielen Dank für die tolle Unterstützung! Ich bin jetzt doch schon einige Jahre dabei und habe einige Sportplätze gesehen. Eine solche Atmosphäre wie auf dem Rietsamen ist in der ganzen 2. Liga einzigartig, da kommt kein anderer Verein auch nur ansatzweise heran. Und Zweitens: Manchmal habe ich das Gefühl, dass man es mittlerweile als selbstverständlich ansieht, dass der FC Wiesendangen in der höchsten regionalen Spielklasse antritt. Das ist es auf keinen Fall! Jede zusätzliche 2. Liga Saison ist hart erarbeitet und ein riesiger Erfolg für unseren Verein. Gerade dann, wenn wir unsere Rahmenbedingungen mit denjenigen unserer Gruppengegner vergleichen. Ich glaube wir tun gut daran, wenn wir uns auch nach elf Jahren in der zweiten Liga stets daran erinnern.

Interview: Ramon Fritschi